Uni/FH Erfurt Ringvorlesung “KRISE herbeireden mit Statistik”
Natürlich konnte man im Vorfeld einer “Ringvorlesung der Fachhochschule und der Universität Erfurt im Sommersesmester 2009 zum Thema ‘KRISE” nur schwer eine nüchterne, sachliche und wissenschaftlich exakte Auftaktveranstaltung erwarten. Das Thema ist einfach emotional vorbelastet. Aber dass der Vortragende Prof. Dr. Karl-Heinz Moritz der Fachhochschule Erfurt [Profil bei MeinProf] die Krise offensichtlich (noch mehr) herbeireden will als sie ohnehin schon da ist… fand ich recht “unpassend”.
Man könnte es auch als Lügen mit Statistik bezeichnen. Welche Darstellungsform wird wohl die suggestivere Aussage einer “dramatischen Änderung” rüberbringen wollen? 
Wenn also die aktuelle Krise an Hand von aktuellen Arbeitslosenzahlen und dazu im Vergleich mit denen von 1929 auf so eine Art und Weise präsentiert werden, dann frage ich mich ob ich von einem Professor nicht mehr erwarten können sollte. Also: Melden… Resultat: Ignoranz… Warten auf Frage&Antwort-Runde: Prof: “Ich weiß nicht wovon sie sprechen…”. Zurückblättern auf ein Diagramm, welches richtig skaliert ist… Ich: “Netter Versuch… die anderen bitte!” Prof: “Anders hätten die Zuschauer ja nichts erkannt”. Meine Reaktion: “Vielleicht gibt’s in dem Diagramm ja auch einfach nichts zu erkennen!”… Prof: “Außerdem hab ich das Diagramm von der Deutschen Bundesbank und die wissen wie man sowas macht.”… Für meine zweite Frage wurde mir das Wort entzogen. Tjaaaa… ich glaub noch immer nicht an “die ach so schlimme Krise” wenn man die auf diese Art und Weise herbeireden muss.
Die Reaktionen der Publikums waren im übrigen ebenfalls recht geteilt. Einige – auch weitere anwesende Unimitglieder und Studierende – stimmten mir zu , während andere keinen echten Unterschied in der Darstellungen sehen wollten. Ob sie es wenigstens in ihrer Diplom-/Masterarbeiten anders sehen?
Interessant war auch zu hören, dass die Leute 1929 die Probleme gar nicht als “Krise” wahrgenommen hätten (Okay, ich bei den präsentierten Zahlen auch nicht unbedingt). Man ging “nur” von einem gewissen Abwährtstrend aus, aber rechnete nicht mit den großen Problemen die danach noch gekommen sind. Okay… man hatte sich wohl verschätzt. Aber wenn man nach Aussagen des Prof. Krisen solche Probleme meist erst hinterher wirklich erkennt, wieso ist man sich dann so sicher, dass man erkennen könnte ob man sich gerade in einer solchen Krise befindet? Interessant: Wir haben Panik vor Inflation während die USA Angst vor Deflation hat – also keine global einheitliche Meinung zur aktuellen Krise in der globaliserten Wirtschaft???! Für die Feststellung, dass Leute die Existenzängste haben ungern ihr Geld für unnötige Anschaffungen ausgeben, muss man wohl kaum Experte sein. Diese Krise scheint also nach wie vor nur aus Pferdewetten und Kaffeesatzleserei zu bestehen.
Interessant war auch zu hören… was ausgelassen wurde. So wurden zwar ausführlich die damaligen Reaktionen auf die “Weltwirtschaftskrise” vorgestellt, aber nicht erwähnt, dass hierfür z.B. die USA u.a. auch den Spitzensteuersatz und die Erbschaftssteuer massiv (von 25% auf 63%) erhöht haben (später auf bis zu 94%). Aber bei solchen Vorschlägen wird man in Deutschland wohl noch immer als Kommunist bezeichnet.
Alles in allem also eher enttäuschend! Mir tun schon jetzt die Studierenden leid, für die dies prüfungsrelevant ist.
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May 19th, 2009 at 1:40 pm
Wer Diagramme nicht lesen kann, sollte sich am Besten nicht dazu äußern.
Die absoluten Zahlen waren bei diesem Vortrag von Prof. Moritz nicht relevant gewesen. Die Veränderung in der kurzen Zeit ist ausschlaggebend!
Bsp.: Ein Umsatzrückgang von 20% bei einem Unternehmen ist mit “korrekter Darstellung” nicht viel. Für dich wäre das vielleicht noch nicht mal erkennbar. Bricht allerdings der Umsatz in kurzer Zeit um 20% oder 30% ein, dann hat das Unternehmen ein großes Problem, da die Kosten ja weiter bestehen. Also die Darstellung war vollkommen korrekt!!!! Man muss das zeitliche Außmaß betrachten! Wenn man einem Prof. also vorwirft, dass dieser nicht wissenschaftlich arbeitet, sollte man sich selber fragen , ob man von der Thematik wirklich Ahnung hat.
[Reply]
May 21st, 2009 at 2:00 pm
@Klaus Zickenrodt:
> Die absoluten Zahlen waren bei diesem Vortrag von Prof. Moritz nicht
> relevant gewesen. Die Veränderung in der kurzen Zeit ist
> ausschlaggebend!
Im ersten Satz reden Sie von der Auflösung der y-Achse (absoluten Zahlen), im zweiten aber von der zeitlichen Auflösung der x-Achse. Selbst wenn die Aussage die Veränderung der y-Achse in einem kurzen Zeitraum der x-Achse sein soll, ist es _nicht_ korrekt die y-Achse dementsprechend zu skalieren, dass ein Rückgang um 20% überproportional dargestellt wird. Und dies gilt _insbesondere_ für Professoren. In wissenschaftlichen Veröffentlichungen gilt dies als grober Fehler und führt so gut wie immer zu einer Ablehnung dieser Veröffentlichung.
20% Rückgang sind nunmal 20% Rückgang. Wenn der Zeitraum entscheident ist, ist das Problem nunmal auch nicht der Rückgang um 20% sondern die zu langsame Reaktion auf die schnelle Veränderung des y-Wertes in einem kurzen Zeitraum der x-Achse (also ein großer Wert in der ersten Ableitung). Erst wenn man diesen Zusammenhang auch so darstellt, kann man auch sinnvoll darauf reagieren und bemerken, dass so etwas wie eine Abwrackprämie gar kein Hilfsmittel sein kann.
Vielleicht sollten Sie einfach nicht so professorengläubig sein… wer glauben will soll in die Kirche gehen, aber nicht in eine Vorlesung
[Reply]