Auf die Köpfe käme es an…

…meint zumindest die FAZ in einer Glosse zur aktuellen Entwicklung der Länderhochschulgetze in Deutschland. Wenn man sich die ganzen Diskussionen und Argumente der verschiedenen Lager (Kultusministerium, Unileitungen, Professoren, wiss. Mitarbeiter, tech. Mitarbeiter, Studierende) anschaut, dann kann man der FAZ nur zustimmen, dass hier unter dem Deckmantel der Autonomie die letzten Reste der demokratischen Ordnung, welche schon durch das Bundesverfassungsgerichtsurteil von 1973 und seiner Auslegung von Artikel 5 Grundgesetz, welche zu einer überproportionalen Gewichtung der Professorenmeinung (>50%) zu lasten aller anderen Gruppen führte, stillschweigend abgeschafft werden soll. Aber wie es immer ist wenn es um Abschaffung von Mitsprache und Rechten geht, war es nicht das BVG allein, sondern erst die Implementierung der Vorgaben führt zu der wirklichen Entrechtungen. So hat das BVG z.B. die Professorenmehrheit auf Angelegenheiten welche unmittelbar mit Forschung und Lehre zu tun haben eingeschränkt, aber aus praktischen Erwägungen und mit geheuchelten demokratischen Prinzipien (ein Mensch == eine Stimme) sind seitdem alle Gremien mit mehrheitlich Professoren besetzt, auch wenn das BVG eine paritätische Besetzung in der die Professorenmehrheit in bestimmten Fragen z.B. durch eine höhere Gewichtung ihrer Stimme erreicht wird ausdrücklich nicht verbietet.

Gutes lassen die Pläne der Landesgesetzgeber nicht ahnen. Die vielbeschworene Autonomie ist häufig ein Vorwand, universitätsintern über Zielvereinbarungen Freiheiten empfindlich zu beschränken.

Auf der anderen Seite regen sich die Professoren allerdings auch gern mal über die viel beschworenen Ziel- und Leistungsvereinbahrungen zwischen dem Kultusministerium und der Universitätsleitung auf, nur um dann postwendend in ihren eigenen Plänen zur “Stärkung der universitären Forschung” bei Neuberufungen Ziel- und Leistungsvereinbahrungen zu definieren und nach 3 Jahren überprüfen zu wollen. So ernst ist es den Professoren mit ihrer Freiheit also… wenn jetzt aber die Studierendenschaften fordern würden, auch Ziel- und Leistungsvereinbahrungen mit neuen Professoren bzgl. ihrer Lehre aufstellen zu dürfen, dann wäre dies bestimmt wieder ein Verstoss gegen Artikel 5 GG…

Wettbewerb kann nur in der Wissenschaft selbst stattfinden. Der Versuch, ihn auf Institutionen zu verlagern, vergrault die letzten kreativen Köpfe.

Aber die Politik wäre nicht die Politik wenn deren Marketingabteilungen nicht schon längst passende Ablenkungsmanöver in Form von unzähligen Unirakings mit undurchsichtigen Kriterien und Exellenzinitiativen mit noch undurchsichtigeren Anforderungen aufgelegt hätten um auch den letzten klar zumachen, dass Exellenz heutzutage schon lange keine absolutes Mass mehr sein soll sondern, dass es vollkommen ausreicht nur ein wenig besser als der Rest zu sein und dies zur Not mit ein paar unfairen Methoden beim Peer-Review zu erreichen.

Ja, schön war die Zeit als es bei Forschung und Lehre noch um die Sache selbst und den Wissensgewinn ging. Heutzutage ist Wissen ja nur noch eine Ressource wie die Steinkohle, aus welcher man mit minimalen Aufwand den meisten Profit erwirtschaften will. Wenn Deutschland dann abgewirtschaftet hat mit seinen Denkfabriken und den Denksklaven jegliche Kreativität verlorengegangen ist, dann können wir ja den Denkpfenning einführen, damit wenigstens nicht alle Unis schliessen müssen, sondern ein paar japanische Touristen durch unsere “glässernen Unis” spazieren können und der Bildungswahre bei ihrer Produktion (Neusprech für den alten Begriff der “Lehre”), zugucken können.

Ja, wie schon A. Huxley wusste, sind zu viel gute Leute und schlaue Köpfe in einer Gesellschaft ja auch nicht unbedingt hilfreich:

“Wir glauben an Glück und Beständigkeit. Eine Gesellschaft auf lauter Alphas muss einfach zu Unbeständigkeit und Unglück führen. Stellen Sie sich eine [Denk-]fabrikbelegschaft aus lauter Alphas vor, das heißt aus lauter verschiedenen, unabhängigen Persönlichkeiten mit erstklassiger Abstammung und einer Normung, die ihnen, in gewissen Grezen gestattet, Willensfreiheit zu entfalten und Verantwortung auf sich zu nehmen. Stellen Sie sich das vor! Es wäre absurd. [...] Die beste Gesellschaftsordnung nimmt sich den Eisberg zum Muster: acht Neuntel unter der Wasserlinie, ein Neuntel darüber.”

“Nicht nur die Kunst ist mit Glück unvereinbar, auch die Wissenschaft. Wissenschaft ist gefährlich; wir müssen ihr Kette und Maulkorb anlegen. [...] [Ich war] jedenfalls tüchtig genug, um in unserer ganzen Wissenschaft nicht mehr als ein Kochbuch zu erblicken, dessen strenge Lehre niemand anzweifeln und dessen Rezepten nur mit Erlaubis des Küchenchefs etwas hinzugefügt werden darf. [...] Einst [...] begann [ich] [...] ein wenig nach meinen eigenen Kopf zu kochen, auf eine neue, verbotene Weise – trieb ein wenig echte Wissenschaft. [...] Ich wäre fast auf eine Insel verschickt worden.”

Deshalb bleiben wir lieber bei unseren durch Exellenzinitiativen, DFG-/EFS-/BMBF/etc.pp-Anträge, Kriterienerfüllungsmanagement und Lebenslaufoptimierung regulierten Wissenschaft und damit immer bestenfalls zweitklassig, denn evaluiert werden kann nur das was allgemeinverständlich ist, nicht das was exellent ist. (vgl. “Du gleichst dem Geist, den du evaluieren kannst, nicht mir!”, GI Informatik Spektrum 02/2007).

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